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Mitte Jänner durfte ich als Präsidentin des PRVA die Begrüßungsrede beim Neujahrsempfang halten. Wir waren Gäste der Kanzlei Dorda, deren Empfangsraum einen wunderbaren Blick auf die Hauptuniversität am Ring freigibt. Die Schönheit der Alma Mater ließ mich nachdenklich werden. Alma Mater bedeutet wörtlich übersetzt „die nährende Mutter“ und bedeutet metaphorisch, dass die Universität uns mit Bildung und Wissen nährt. Im postfaktischen Zeitalter ist all das in Gefahr – und damit unser Gesellschaftssystem.

Bildung und Wissen – diese Begriffe werden oft synonym verwendet, sind es aber nicht. Wissen besteht aus Fakten, Theorien und Regeln, die wir als Gewissheit, als richtig anerkennen. Bildung geht weit darüber hinaus. Bei Bildung geht es um unser Menschsein in seiner tieferen Bedeutung – um unser reflektiertes Verhältnis zu uns selbst, zu anderen, zur Welt als Ganzes. Es geht um unsere geistigen und kulturellen Fähigkeiten und darum, unsere sozialen Kompetenzen ständig zu erweitern.

Bei der Gelegenheit möchte ich erwähnen, dass wir  in Österreich ein Bildungsministerium haben, nicht ein Wissensministerium. Wäre es nicht schön, wir würden mehr über Bildung diskutieren als darüber, ob alle  Volksschulklassen mit Tablets ausgestattet werden sollen. Mehr Technik, gut, aber dann bitte auch der Bildung, die ich brauche, um dieses Wissen sinnvoll zu nützen. Sonst sind wir, sonst ist unsere Gesellschaft den Agitatoren und New-Speach Professionisten hilflos ausgeliefert.

Schulterschluss gegen Alternative Facts

Wir alle haben den Wahlkampf Donald Trumps beobachtet, seine Inauguration gesehen und seine Ausritte gegen die Medien verfolgt. Wenn wir dachten, schlimmer geht´s nicht mehr, kam die nächste Unglaublichkeit. Fake News, das ist  mittlerweile Kinderkram. Heute reden wir von Alternative Facts. Alternative Facts – das muss einem erst einmal einfallen.

Ich glaube, was wir jetzt dringender denn je brauchen, ist ein Schulterschluss aller  gebildeten Kommunikatoren mit Qualitätsmedien. Und wenn ich  gebildet sage, dann im bereits erwähnten Sinn von „ geistigen und kulturellen Fähigkeiten und der Erweiterung unserer sozialen Kompetenzen.“

Das alles spielt sich ja nicht nur jenseits des Ozeans ab. Ähnliches erleben wir auch hier, schauen wir nur nach St. Pölten. Fragen Sie die Kollegen von der APA oder vom Falter, mit welchen Unterstellungen sie es in den letzten Wochen zu tun hatte. An dieser Stelle herzliche Gratulation an Florian Klenk zum Journalisten des Jahres.

Ich fürchte, dass jeder von uns sich sehr bald sehr viel stärker und immer öfter die Frage stellen wird müssen: Wo stehe ich als Kommunikator in dieser Entwicklung? Wo ist meine Verantwortung? Wann muss ich Farbe bekennen und wie viel bin ich bereit zu riskieren? Auch die Antwort auf diese Frage hat sehr viel mit Bildung zu tun, Bildung, die ich mir auf Grundlage von Wissen erarbeite – und auch da geht es wieder um die Erweiterung unserer sozialen Kompetenzen. Wie lange können wir untätig zusehen, weil wir ja ohnehin nichts ausrichten können?

Wir alle haben ein unbestimmtes Gefühl davon, dass wir auf gewisse Weise verantwortlich sind, aber oft können wir nicht so genau sagen, wo diese Verantwortung beginnt und wie weit sie reicht – wo anfangen und wann.

Kennen Sie Harald Jäger?

Vielleicht ist die Antwort darauf unser ganz persönlicher Handlungsrahmen, dort, wo uns das Schicksal, der liebe Gott oder der eigene Wille hingestellt hat, je nachdem, woran Sie eben glauben. Dieser Handlungsrahmen kann global sein wie der eines Donald Trump oder klein wie der von Harald Jäger.

Harald Jäger war viele Jahre lang ein kleiner, unbedeutender Grenzsoldat an der Berliner Mauer. Er hat dort seinen Dienst versehen wie hundert andere auch. Sein Handlungsspielraum hat sich auf die paar Meter rund um seinen Grenzbalken beschränkt – und der war bis auf wenige Ausnahmen geschlossen.

Aber dann kam der 9. November 1989. An diesem Abend hat Honeckers etwas unglücklicher Nachfolger Günter Schabowski in einer Pressekonferenz voreilig vereinfachte Ausreisemöglichkeiten für DDR-Bürger bekannt gegeben. Diese Nachricht hat sich – ganz ohne Facebook und Twitter – wie ein Lauffeuer verbreitet. Zwei Stunden später sind tausende DDR-Bürger an den Grenzübergängen gestanden und haben „Tor auf! Tor auf“ gerufen – sie standen auch vor dem Grenzübergang, wo Harald Jäger Dienst hatte.

Weil Schabowski diese Information zu früh rausgegeben hatte – ein schwerwiegender Kommunikationsfehler – waren die Grenzpolizisten nicht informiert, wie sie sich zu verhalten hätten. Harald Jäger hat nicht gewusst, was er tun sollte. Also hat er versucht, seine Vorgesetzten anzurufen, aber die waren schon längst in Deckung und haben nicht geantwortet. Jäger war allein auf sich gestellt, hat an  diesem Abend seinen Handlungrahmen mutig genützt und nach seiner menschlichen Verantwortung gehandelt. Er hat mit großem persönlichen Risiko, im Wissen, dass es für ihn und seine Familie fürchterliche Konsequenzen haben könnte, um 22:30 die Grenze geöffnet – einfach, weil er es für richtig gehalten hat. Um 2:00 Uhr früh waren alle Übergänge offen. Die DDR Bürger konnten zum ersten Mal seit 28 Jahren frei den Westteil der Stadt betreten.

Dieses Beispiel des Harald Jäger zeigt uns, dass selbst ein sehr kleiner Handlungsrahmen in besonderen Situationen große Bedeutung mit unglaublichem Nachwirkungen haben kann. Natürlich sind wir nicht täglich mit historisch derart bedeutsamen Entscheidungen konfrontiert, aber wir haben täglich die Chance unseren Handlungsrahmen unter Einsatz all unseres Wissens und besonders unserer Bildung bestmöglich zu nützen. Sehr oft sind es die kleinen Dinge, ist es die sorgsame Wortwahl, die das beste aus einer Situation machen. Diese Wortwahl, das ist unser Geschäft – und deshalb tragen wir Kommunikatoren so große Verantwortung

Es geht auch mit Anstand

Wir sehen mit Donald Trump in den USA einen Präsidenten, der mit herabwürdigenden Aussagen über Frauen, Latinos und Homosexuelle, mit Sprechverboten für Journalisten, dem Ausschluss von Medien aus Pressekonferenzen und offensichtlichen Lügen ans Ziel gekommen ist. Und wir sehen mit Alexander van der Bellen in Österreich einen Präsidenten, der sich vollkommen anders verhalten hat, der sich von Anstand und Bildung hat leiten lassen und dafür ins höchste Amt des Staates gewählt worden ist.

So mühsam diese Präsidentenwahl war, sie hat uns eindrucksvoll gezeigt, dass wir dem postfaktischen Zeitalter, den Alternative Facts nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern auch mit Wissen und Bildung erfolgreich sein können. Diese Haltung drückt sich in unserer Kommunikation aus – ob privat oder professionell.

Ich denke, dass wir Kommunikatoren im übertragenden Sinn künftig immer öfter an einer Grenze stehen werden, an der Grenze des Anstands, wo unser Mut gefordert sein wird und wo wir ganz persönlich Verantwortung übernehmen müssen. Und ich hoffe für mich, dass ich dann wenigstens annähernd den Mut eines Harald Jäger aufbringen werde.