Vor einigen Jahren haben wir im Rahmen einer Klausur beschlossen, uns als Agentur ganz dem Bereich Planen.Bauen.Wohnen zu verschreiben. Für eine kleine Agentur hat eine solche Spezialisierung viele Vorteile: Wir können uns viel Wissen über die Branchen unserer Kunden aneignen und sie so besser beraten. Wir kennen die großen Player in den relevanten Sektoren und können gute Beziehungen zu den wichtigsten Journalisten aufbauen. Alles richtig – und die Idee funktioniert auch. Wir haben uns in diesem Segment einen Namen gemacht. Bei den meisten Anfragen potentieller Neukunden ist diese Spezialisierung der wichtigste Grund, weshalb sie bei uns anrufen und nicht bei einer anderen Agentur. Eine erfolgreiche Strategie also? Ja, aber!

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde folgt bei Erstgesprächen sehr bald die Frage, ob wir für einen Konkurrenten des Hauses arbeiten. Das wäre natürlich ein Ausschließungsgrund. Ich kann die Frage schon verstehen: Es geht um Strategien und Ziele, um den Schutz vertraulicher Informationen. Aber Hand aufs Herz, wie viel davon wird uns denn wirklich erzählt? Woher soll die Spezialisierung denn kommen, wenn nicht von der Arbeit für ein ähnliches Unternehmen? Und wie oft können wir es uns leisten, eine Anfrage abzulehnen? Sitzen wir in der Falle?

Britischer Pragmatismus
Bei einem Treffen unserer internationalen Agenturengruppe IPRN habe ich dieses Dilemma mit meinem englischen Kollegen Markt Knight besprochen. Seine Agentur Broadgate Mainland hat ihren Sitz im Herzen Londons und arbeitet ausschließlich für Unternehmen aus dem Finanzsektor. Meine Frage, wie er mit der Problematik der Konkurrenzbetreuung umgehe, war trocken und ziemlich knapp: „If it´s only one client, it´s easy. If it´s two, you have a problem. If it´s three, you are an expert!“ So einfach ist das also.

Ganz anders in Österreich
Für Mitglieder des PRVA/Public Relations Verband Austria stellt sich die Situation anders dar. Punkt 16 des PRVA-Ehrenkodex ist da sehr deutlich: „PR-Treibende prüfen vor Übernahme eines Mandats, ob sich daraus ein Interessenskonflikt zu einem bereits bestehenden Mandat ergibt. Im Zweifelsfall erfolgt eine Klärung mit dem bestehenden und dem potentiellen Auftraggeber, ob das Mandat übernommen werden kann.“ In anderen Worten: Die gleichzeitige Betreuung zweier Unternehmen der gleichen Industrie ist nicht zulässig, außer die beiden Unternehmen akzeptieren das. Und wo beginnt ein Interessenskonflikt? Stellt sich die Frage, ob englische Investmentbanker toleranter sind als die österreichische Baustoffindustrie? Schwer vorstellbar.

Wie gehen Sie mit der Konkurrenzsituation um, als Auftraggeber oder als Auftragnehmer? Akzeptieren Sie Arbeit für die Konkurrenz? ist eine Cool-Down-Phase beim Wechsel zwischen zwei Mandaten derselben Industrie erforderlich? Oder ist die englische Variante auch in Österreich denkbar? Wie sehen Sie das?